Die Architektur Calatravas
1989 baute der mittlerweile weltberühmte spanische Architekt Santiago Calatrava das Tabourettli zu einem "Cabaret mit Konsumation", um. Seither trägt das Theater im ersten Stock die - zugegeben inoffizielle - Bezeichnung "Europas schönstes Kleinkunsttheater". 

Nachdem sich die Verantwortlichen der Stadt Basel zu Beginn der Neunziger Jahre aus Kostengründen gegen den geplanten Neubau der Wettsteinbrücke durch Santiago Calatrava entschieden haben, bleibt das Tabourettli das vorläufig einzige Basler Werk des genialen spanischen Architekten. Jährlich lockt es ganze Scharen von Architektur interessierten Gästen aus der ganzen Welt in das kleine Theater am Spalenberg.

 

 








Fotos vom Fauteuil, Tabourettli und Kaisersaal



Aus dem Bericht der Denkmalpflege

"Der Spalenhof in Basel gehört zu den wichtigsten profanen Baudenkmälern der Stadt. Er stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde im 15. und 16. Jahrhundert zu einem repräsentativen Kaufmannssitz ausgebaut. Der Skelettbau war in der Mitte stark eingesunken, der Dachausbau brachte neue Belastungen für die gesamte Statik, und die Theaternutzung erforderte eine akustische Isolierung hohen Ausmasses.

Nach vielen Projekten wurde der Vorschlag Santiago Calatravas ausgeführt: Ein auf die Längsachse des Hauses ausgerichteter Fachwerkträger im obersten Geschoss ruht auf einem Bock, der die Treppe zum darunterliegenden Theaterraum des "Tabourettli" bildet. An ihm ist der grosse Saal in Umkehrung der Kräfte aufgehängt. Diese statische Lösung ermöglicht es, die Verluste an historischer Bausubstanz gering zu halten. Um den Treppenbock hat Calatrava das Entree, im gotischen Zimmer das Foyer und unter dem grossen Saal selbst - an einer Stelle, an der das statische Gefüge gestört war - das Theater "Tabourettli" eingerichtet. Hier durchdringen sich alte Bausubstanz und neue, organische Formen assoziieren Elemente in eigenwilliger Weise."



Notizen Santiago Calatravas

"Zunächst wurden wir um eine Beratung in statischen Fragen des Umbaus gebeten; wir sollten die Tragstruktur des Gebäudes prüfen, welches fast kein Fundament hatte. Eine Alternative war es, neue Elemente mit den alten Strukturen zu vermischen; dies würde dem Gebäude eine Tragstruktur geben. Dagegen hatten wir die Idee einer Treppenbrücke; sie fasst alle Lasten in einer kräftigen Stütze zusammen, welche neben den alten Teilen entlang führt und so jede Notwendigkeit schwerer Tragelemente vermeidet. Auf diese Weise wirkt die Treppenbrücke zweifach: als neues Erschliessungselement und als Tragwerk zum Ableiten der Kräfte in das Mauerwerk des Gebäudes."

Zur Gestaltung des Tabourettli hielt Calatrava folgendes fest:

"Es sind drei Räumlichkeiten, aus deren Reihenfolge das Cabaret-Theater entstand. Das Foyer und das Treppenhaus bilden die erste Räumlichkeit. Garderobe und Treppe sind aus Stahl und Glas konstruiert. Das Pausenfoyer, das als nächste Räumlichkeit folgt, ist aus einer gotischen Stube entstanden, in der man eine verspiegelte hölzerne Garderobe installiert hat. Der Saal wurde so umgebaut, dass drei vorhandene Säulen entfernt wurden. Dies erforderte eine Aufhängung der Deckenkonstruktion, deren Lasten auf das stählerne Treppenhaus umgeleitet wurden und somit zur Hälfte auf diesem ruhen.

Die Stahlkonstruktion hat die Aufgabe, einerseits die Last von ca. 211 Tonnen in die Fundamente abzuleiten, andererseits einen Treppenaufgang für das Cabaret-Theater Tabourettli und ein Verbindungspodest zwischen dem Foyer und dem eigentlichen Theater zu schaffen. Für die Inneneinrichtung wurden Möbel, Tische, Hocker und Lampen entworfen."
Die Bar des Tabourettli



Beurteilung von Calatravas Werk

"Santiago Calatravas Werk spannt den Bogen vom Ingenieurbau über die Architektur bis zum Innenraum und zum Design als Kunstwerk. Neue Tendenzen im Innerräumlichen werden aufgespürt. Konstruktive Elemente und ökonomische Fragen werden gleichermassen durchdacht. Der räumliche Zusammenhang, der Übergang vom einen Material in das andere zeichnet die materialbetonte Architektur aus."

Werner Blaser, in "Stahl und Form", 1991.